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Das etwas andere Harfenkonzert
Sylvia Reiß gab zur Engelausstellung ein Konzert


Donnerstag, 30. November 2006, 19.30 Uhr: Neben einer keltischen Harfe aus dem 19. Jahrhundert steht Sylvia Reiß aus Kassel, freiberufliche Harfenistin und Mutter eines zehnjährigen Sohnes. Der Rahmen der Harfe ist fast eigenwillig aus dem Holz der Ulme geformt, 36 Saiten aus Nylon für die Höhenlagen beziehungsweise aus Metall im Bassbereich mit nahezu fünf Oktaven, eine unterschiedliche Anzahl von Saiten in Halbton-Schritten stimmbar, nur mit der Hand zu spielen. Gern vertont Sylvia Reiß eigene und fremde Texte. Außer Klassik lässt sie sich auf alle Stilrichtungen ein, vor allem auf keltische und schottische Musik. Annähernd 70 Besucher, darunter einige Kinder, haben sich zum Konzert in unserer Gemeinde eingefunden. Heute Abend wechseln sich musikalische Leckerbissen und nachdenkliche Engelgeschichten, diese von Reinhild Bohlmann gelesen, ab.

Die vorgetragenen Stücke haben etwas Träumerisches in sich. Leise, melodische Hintergrundmusik charakterisiert das Leben voller Sehnsucht. Die Darstellungsweise der Künstlerin ist einerseits geprägt von federnder Leichtigkeit und weckt beim Hörer freudige Erregtheit. Andererseits wirken ihre Vorträge durch dunkle und tiefe Laute schwermütig. Helle Töne lassen ein Gefühl der Geborgenheit aufkommen. Wer genau hinhört, versteht ihre Musik als Ausdruck von wachsender Zuversicht. Im Zusammenspiel der Akkorde kommt unwillkürlich der Gedanke von Gemeinschaft auf. Im Gewirr der Zeiten findet der Zuhörer einen Ruhepol. Die musikalischen Leckerbissen scheinen Gedankensplitter zu sein: Momentaufnahmen im Leben der Menschen weisen den Weg nach vorn. Die Harfentöne wirken wie Medizin in trüben Tagen, aufhellend und zukunftsweisend. Musik im Zwiegespräch oder auch in selbstversunkenen Gedanken, vorsichtig tastend, beendet den ersten Teil des Abends.

Sylvia Reiß gibt auf Wunsch mancher Zuhörer nach der Pause einige Erläuterungen zu ihren Vorträgen. Trotzdem weiß sie erst, was sie spielen wird, wenn sie ihr Stück begonnen hat, wie sie ihrem Publikum verrät – eben das etwas andere Harfenkonzert. Der Auftakt zum zweiten Teil der Vortragsreihe beginnt mit dem Zyklus des Lebens. Die vier Sätze deuten auf die vier Jahreszeiten hin. Der Lebenshunger scheint Vorrang zu haben. Die Schwere der Musik weicht immer wieder der Leichtigkeit. Die Chance, Neues zu wagen, kann man förmlich wahrnehmen. Dissonanzen und schrille Töne lassen innere Unruhe spüren. Gleich im nächsten Vortragsstück wirkt die Musik wie eine Erlösung. Mit Bestimmtheit wird diese stets durch eine wiederkehrende Melodie unterstrichen. Zu Psalm 91 (... denn er hat seinen Engeln befohlen über dir ...), den Reinhild Bohlmann zitiert, wirkt die musikalische Botschaft wie ein Hammerschlag, als ob man die obersten Tasten auf einem Klavier vergewaltigt. Unrhythmische, laute und aufgewühlte Klänge auf den Saiten der Harfe lassen das Chaos erahnen. Doch Gottes ausgesandte Engel stellen den Menschen unter seinen Schutz. Die Harfenklänge finden langsam zu ihrer Rhythmik zurück, sie werden leiser und leiser bis zu einem doppelten Pianissimo. Bei dem Zuhörer scheint genau diese Botschaft angekommen zu sein. Der Beifall will kein Ende nehmen - Schließlich wird ein Stück der "Flügel von Wildenten" präsentiert. Die Obertöne stellen das Schwingen der Flügel dar. Die fast einsilbigen Untertöne geben den Enten Auftrieb. Die Schlussakkorde lassen eine Abwärtsbewegung erkennen und deuten auf das erreichte Ziel hin.

Und die Lesungen? Sie geben Einblicke in die Vielfältigkeit der Aufgaben, die Engel in ganz unterschiedlichen Situationen von Kindern und Erwachsenen, von Kranken und Gesunden oder auch von ablehnenden Menschen wahrzunehmen haben. Ihre Aufgaben bestehen unter anderem darin, uns zu bewahren, Beistand und Zuspruch zu geben oder Schweres leicht werden zu lassen, einfach unserem Leben Flügel zu verleihen und dem Himmlischen etwas näher zu sein.

Als Zugabe spielt Sylvia Reiß ein Stück, worin sich entspannte Atmosphäre ausbreitet und tänzerische Elemente auftauchen.

Wir erlebten einen Abend, an dem uns die Fröhlichkeit ansteckte. Der Eintrag am 30. November im ausgelegten Gästebuch gibt den Gesamteindruck vieler Zuhörer wieder:

"Eine ganz tolle Inszenierung von Texten und der Harfe. Sehr eindrucksvoll und ansprechend, wohltuend für Geist und Seele."

Herbert Jäger

Sylvia Reiß

Sylvia Reiß bei ihrem Konzert

Sylvia Reiß
Die Harfe

Das Instrument